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Wenn jedes Wort zählt — Artikel am Wort

Wenn jedes Wort zählt
Warum bei Einsätzen des Groupe de support psychologique höchste Konzentration gefordert ist
V O N  C H E R Y L  C A D A M U R O
Dieses Jahr sind bereits sieben Menschen bei Verkehrsunfällen
ums Leben gekommen.

Und bei jedem Einzelnen waren im Anschluss Mitarbeiter des Groupe de
support psychologique im Einsatz.
Doch wie sieht eigentlich das Aufgabenfeld der Ehrenamtler aus?
Wenn ihr Funkmeldeempfänger Zeichen gibt, ist Isabelle und Vanessa jedes Mal klar: Mit großer
Wahrscheinlichkeit ist jemand verstorben, mit Sicherheit sind da
Menschen, die Hilfe benötigen.

Die beiden sind ehrenamtlich beim
Groupe de support psychologique (GSP) tätig – und stehen unter anderem Menschen bei, die von der
Polizei die Nachricht vom Tod eines Angehörigen übermittelt bekommen.
Doch nicht nur nach schweren Verkehrsunfällen, auch nach Suizid und plötzlichem Kindstod sind
sie vor Ort, um den Hinterbliebenen Halt in der Not zu geben. Doch
weder Vanessa noch Isabelle

isabelle vanessa

und auch keiner der anderen 63 Mitarbeiter der GSP sind ausgebildete Psychologen oder Therapeuten.
Sondern einfach nur Menschen, die anderen Menschen in einer
Notsituation helfen wollen. Im Dienst der Menschlichkeit
Und dennoch wissen sie ganz genau, wie man mit traumatisierten
Menschen umgeht, in Stresssituationen gefasst bleibt. Sie wissen,
dass jeder anders auf die Überbringung einer Todesnachricht
reagiert. Dass die einen aggressiv werden und die anderen es nicht
glauben wollen.

Dass die einen Nähe benötigen und die anderen
während Stunden kein Wort sagen.
Während einer zweijährigen Ausbildung lernen die angehenden Mitarbeiter, mit solchen Situationen umzugehen.

Anhand von Theorie, aber auch Rollenspielen.
Doch es braucht mehr als das. Feingefühl und Sensibilität seien wichtig. Und zwar die richtige Mischung.

Zu viel davon ist ebenso schädlich wie zu wenig davon.
„Wir sollen mitfühlen, aber nicht mitleiden“, so Isabelle. Und: „Wir
lassen uns jedes Mal aufs Neue auf die jeweilige Situation und die
Menschen, die wir vorfinden, ein. Es gibt keine pauschale Anleitung.“
Isabelle weiß, wovon sie spricht, denn sie hat in den vergangenen
zehn Jahren bereits mehr als 250 Einsätze erlebt – und kann sich
noch an jeden einzelnen Fall erinnern. Vanessa hingegen ist erst
seit Juni vergangenen Jahres dabei. Sie erinnert sich noch gut an
ihren ersten Einsatz. Und daran, wie nervös sie damals war – und
einfach nur gehofft hat, alles richtig zu machen.

Aufgeregt ist Isabelle bei ihren Einsätzen mittlerweile nicht mehr.

Doch kein Einsatz lässt sie kalt, sagt sie. Vor allem dann, wenn Kinder oder Jugendliche involviert sind.

Jeder Fall sei auf seine Weise prägend, so Isabelle.
Über die einzelnen Einsätze dürfen die beiden nicht reden, unterliegen sie doch einer strengen
Schweigepflicht. Doch sie beteuern, dass alle Hinterbliebenen mit
derselben Einfühlsamkeit betreut werden. Und dabei ist höchste
Konzentration gefordert, jedes Wort muss abgewogen werden.
Das kostet Kraft, macht müde. Denn: „Viele Menschen sind nach
der Überbringung einer Todesnachricht quasi nicht mehr handlungsfähig. Bei vielen setzen die
kognitiven Fähigkeiten aus und wir
sind dazu da, sie aus dem Schockzustand herauszuholen“, erklärt
Isabelle.
Jeweils drei Stunden dauert eine Schicht am Tag, sechs Stunden
die in der Nacht. Wer sich engagieren will, muss bereit sein, pro
Monat mindestens sechs Bereitschaftsdienste von jeweils drei
Stunden zu machen. Die Mitarbeiter des Kriseninterventionsteams, zu denen Isabelle und Vanessa zählen, sind nie allein, sondern immer zu zweit unterwegs.
Doch nicht nur vor Ort, auch im Hintergrund arbeiten GSPMitarbeiter. Diese nehmen etwa
aktuelle Informationen zu den Fällen entgegen und koordinieren die Helfer.
Die Dauer eines Einsatzes variiert, da es keine zeitlichen Begrenzungen gibt. Neun Stunden
hat der bisher längste Einsatz von Isabelle gedauert.

Die Ehrenamtler lassen die Betroffenen nämlich erst allein, wenn sie sicher sind,
dass es ihnen, zumindest den Umständen entsprechend, gut geht.
Oder wenigstens Freunde oder Verwandte bei den Betroffenen
sind, um sich um diese zu kümmern.
Für die Arbeit, die sie tun, findet Isabelle dann auch einen Vergleich: „Wir kommen ja ganz unerwartet in das Leben von unbekannten Menschen, die gerade in einer großen Notsituation stecken. Da Vertrauen aufzubauen,
das braucht seine Zeit. Das hat nichts mit Action, sondern eher
mit dem Tempo einer Schnecke zu tun.“
Rückhalt und Stabilität Doch was braucht es eigentlich,
um Menschen in solch schweren Stunden beizustehen? „Emotionale Stabilität ist ebenso wichtig wie
die Fähigkeit, diese ganzen Emotionen, die hervorkommen, aushalten zu können. Ansonsten sind
wir die, die wir eben sind. Nur halt mit einer Ausbildung, auf die wir
zurückgreifen können“, sagt Isabelle. Rückhalt von der Familie sei
ein wichtiger Bestandteil, um diese Aufgabe meistern zu können,
betont sie. Und obwohl ein großes Maß an Freizeit herhalten muss,
will sie nicht von Berufung sprechen. Und auch für Freunde bleibt
nicht immer viel Zeit. Doch die finden das, was sie macht, gut, sagt
sie. Wichtig sei es aber, und das wird ebenfalls in der Ausbildung
gelehrt, auf sich selbst aufzupassen. Sich selbst Gutes zu tun. Und
da hat jeder seine eigene Strategie, wie die beiden erzählen. Isabelle etwa mag es, im Wald joggen zu gehen, während Vanessa
zum Entspannen Musik hört.
Was es mit einem macht Trotz viel Optimismus verändere
einen diese Tätigkeit, sagt Isabelle. Sie selbst etwa trinke keinen
Alkohol, wenn sie ins Auto steigt. Weil sie zu oft gesehen hat, was
das für Angehörige bedeuten kann.
Die Bilder der verzweifelten Angehörigen gehen einem so schnell
nicht aus dem Kopf. Und so wird manchem auch erst nach der –
zwar abgeschlossenen Ausbildung – erst im Laufe der ersten Einsätze klar, dass diese Tätigkeit dann
doch nichts für einen ist.
Und so ist es nicht verwunderlich, dass die Wegfallquote hoch
ist. Von den 43 Mitarbeitern, die
2007 mit Isabelle ins Ehrenamt gestartet waren, sind nun nur mehr
drei übrig, von 90 Mitbewerbern
bei Vanessa, sind es deren nur
mehr 20, die übrig sind. Doch es
wird niemandem nachgetragen, wenn er sich dazu entscheidet, eine Pause einzulegen oder gar ganz
aufzuhören.
Isabelle und Vanessa sind weiterhin motiviert. Und wenn dann
mal wieder eine Grußkarte mit Dankesworten von Hinterbliebenen eintrifft,

dann wissen die beiden, dass ihre Arbeit alles andere als umsonst ist.